Fachberatung

Pflanzenschutz im Kleingarten ist ein Thema, das alle Kleingärtner interessiert.

Lesen Sie hier einen aktuellen Bericht zu diesem Thema:

 

Kirschessigfliege breitet sich zunehmend aus – massiver Befall in Gärten und Wildobsthecken

Die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) stammt aus Südostasien und wurde 2008 erstmals in Kalifornien und Spanien nachgewiesen. 2009 gab es erste Funde in Italien, aus Österreich, Deutschland und der Schweiz kamen 2011 Befallsmeldungen. Nach dem milden Winter 2014 hat sich die Population in Süddeutschland so rasant vermehrt, dass im Wein- und Tafeltraubenanbau, bei Brombeeren, Herbsthimbeeren, Blaubeeren, Pflaumen, Aprikosen, Pfirsichen und Holunder regional massive Ernteverluste auftraten. Auch in den Gärten mussten die Obstliebhaber zusehen, wie die invasive Taufliegenart die gesamte Herbsthimbeer-, Kornelkirschen-, Aronia- und Minikiwi- Ernte vernichtete. Der Schädling legt seine Eier selbst in die kleinen Holunderbeeren, in Kermesbeeren, Hartriegel- und Kirschlorbeerfrüchte ab.

Ausschlaggebende Temperatur

Im Gegensatz zu den heimischen Obst- oder Essigfliegenarten stechen Kirschessigfliegen gesunde, noch nicht einmal vollreife Früchte an und legen eines oder zwei, gelegentlich auch drei Eier ab. Schon einen Tag später schlüpfen die

Maden, das Fruchtfleisch wird rasch schleimig-gärig und fault dann. Es kann noch in der Frucht, teilweise auch am Boden zum Verpuppen kommen und eine bis zwei Wochen später schlüpft die neue Fliege, die sofort mit dem Eierlegen beginnt. Bis zu 15 Generationen pro Jahr und 400 Eier pro Weibchen, dazu das extrem breite Wirtspflanzenspektrum, ist die Erklärung für die unglaublich hohe Ausbreitungsrate.

Der Schädling überwintert als ausgewachsene Fliege und erfriert ab  Wintertemperaturen unter -10 °C. Der letzte Winter war so mild, dass viele Adulte überlebten, die dann auch noch durch den feucht-kühlen Sommer begünstigt wurden. Wenn es wärmer als 30 °C ist, stellen die Weibchen die Eiablage ein. Die Fliege bevorzugt Früchte in schattigen Gartenecken bzw. Früchten, die gut beschattet unter dem Laub hängen. Sie werden schon ab 10 bis 15 °C aktiv, das Populationsmaximum erreichen sie meist zwischen Spätsommer und Anfang Oktober.

Noch nicht verzweifeln

Massiv betroffene Gärtner neigen im ersten Entsetzen über den umfassenden Schaden – in jeder Frucht kann ein Ei und tags darauf eine Made stecken – zum kompletten Roden der betroffenen Obstarten. Man sollte aber erst einmal abwarten, ob ein kalter Winter und vielleicht zusätzlich noch ein richtig heißer Sommer den Befallsdruck mindern. Bei Herbsthimbeeren hilft momentan nur, die Erntezone abzuschneiden und dann die Frühsommerernte im Juni am unteren Teil der dann zweijährigen Triebe zu nutzen, weil um diese Zeit die Fliegenpopulation noch sehr gering sein könnte. Normalerweise wird bei Herbsthimbeeren die Tragrute nach Ernteschluss bodeneben entfernt, die nächste Ernte beginnt dann wieder ab Mitte/Ende Juli im Folgejahr an den neu ausgetriebenen Ruten. Bis es wirksame Abhilfe für den Kirschessigfliegen-Befall gibt, rücken sehr früh reifende Obstarten neu ins Blickfeld: Honigbeeren, Felsenbirnen, sehr frühe Johannisbeer- und Erdbeersorten. Oder eben auch die Zweiternte an vorjährigen Herbsthimbeeren, die kurz vor den frühen Sommerhimbeersorten erfolgt. Ansonsten gilt es abzuwarten, was an gartenverträglichen Pflanzenschutzmitteln oder mechanischen Abwehrmitteln entwickelt und zugelassen wird. Als einziger effektiver natürlicher Gegenspieler ist bislang nur die Temperatur bekannt. Zwar gibt es Erz-, Brack-, Gall- und Zehrwespen, die Larven- oder Puppenstadien angreifen, der Parasitierungsgrad, also der Anteil von angegriffenen Maden und Puppen, liegt jedoch meist unter zehn Prozent. Geforscht wird, ob auch Pilze und Viren, die ausgewachsene Fliegen angreifen, als Gegenspieler zum Einsatz kommen können.

 

Dr. Helga Buchter-Weisbrodt